• Extra: Willi Wacker ist tot.
    Jan 29 2026
    Er war ein Freund auch von mir, viele Jahrzehnte lang. Freund, Gefährte, Compagnero, Mitarbeiter, ungemein hilfreicher Kollege bei meinen Filmen und Radiosendungen aus Nicaragua. Willi Wacker ist tot. „Willi Wacker“ hat er sich manchmal genannt, manchmal als nom de plume, manchmal augenzwinkernd selbstironisch die Mühen der Berge und Ebenen kommentierend, über die er den Sisyphosstein seiner Arbeiten für die nicaraguanische Revolution rollte. Mühen, die in den letzten Jahren immer mühsamer, gefährlicher und deprimierender wurden unter dem autokratischen Regime Ortegas. Diesem Hurensohn (ach, nein, wir wollen die Sexarbeiterinnen nicht beleidigen, auch nicht die Hunde) also: dieser Canaille, dem Usurpator, der die Revolution inspiriert, installiert, dann okkupiert und schließlich kupiert hat zu einem Familienclan mafiöser Oligarchen. Dieses Extra bringt neben einigen persönlichen Erinnerungen an William Agudelo auch Dokumente anderer Freude wie dem Verleger Hermann Schulz oder dem Übersetzer Lutz Kliche. Vor allem aber bietet es Auszüge aus seinen literarischen Werken: Aus dem frühen, tagebuchartigen Lebensbericht („Unser Lager bei den Blumen im Felde“), der seine Jahre als junger Seminarist im Konflikt zwischen menschlicher und göttlicher Liebe und die Gründung der christlichen Kommune von „Solentiname“ mit Ernesto Cardenal nachzeichnet. Und seinem letzten auf Deutsch erschienen Gedichtband „Deutschland im Zug“. Die Texte daraus liest Kerstin Bachtler.
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    34 mins
  • Folge 61: "V'herbe"
    Jan 29 2026
    „V`herbe“ ist ein französisches Wortspiel: „herbe“ – also Kraut, Pflanze… setzt man ein „V“ davor wird daraus das Wort „Wort“, „Verb“. Und das drückt ziemlich genau aus, was Claudie Hunzinger in ihren Büchern macht: Pflanzen, Kräuter, Wald, Tiere, Natur in Wörter verwandeln. Literaturjournalistisch heißt das nun neudeutsch-denglisch: „Nature Writing“. Als ob es das nicht schon immer gegeben hätte – von Ovids Metamorphosen über „Walden“ von Theroux und Stifters „Hochwald“ bis Esther Kinskys „Am Fluss“ und unzählige andere in der Literaturgeschichte aller Länder. Zunächst habe ich mich über die hochgestochene Formulierung des Titels gewundert: Als ob die Autorin mit einem Hund höchst vornehm diniere…Bis bald der Groschen fiel: „An angel at my table“. Also eine Hommage an Jane Campions wunderbaren Film über die neuseeländische Autorin Janet Frame und ihren Roman mit dem gleichnamigen Titel. Und es stimmt ja: Unverhofft, wie uns Engel mit einem zarten Windhauch streifen, erscheint da plötzlich ein verängstigter und struppiger Hund bei einem alten Aussteigerpaar, das seit Jahrzehnten wie Philemon und Baucis auf einem kleinen, kargen Gehöft abgelegen in den Vogesen lebt. Die Hündin teilt das Leben der beiden Alten eine Zeit lang und den Roman lang. (Selbstverständlich muss es eine Hündin sein, sonst hätte der Roman ja nicht den „prix femina“ erhalten und sonst würde die Wuff:in sich ja nicht so gut als Projektionsfläche für gender-spezifische Anspielungen eignen! Wobei der Verdacht der Erzählerin, dass die Hündin von einem Mann sexuell missbraucht wurde, real wie fiktional, einigermaßen abwegig ist. Umso mehr als wir das Attribut „Hundeficker“ lieber für Donald Trump reservieren würden. Was aber dann doch eine unverantwortliche Verharmlosung des Staatsterroristen wäre! Roman steht auf dem Titel, aber das Buch ist sicher mehr autobiografisches Notat als Erfindung. Ein wunderbares autofiktionales Werk über ein altes Aussteigerpaar, beide um die Achtzig, das mit den Menschen kaum noch etwas anfangen kann und will und sich von (fast) allem zurückgezogen hat: Er in die Welt der Literatur und Bücher, die er nachts liest, während er tagsüber schläft. Sie in die Natur, in die Beobachtung und Betrachtung der Pflanzen und Tiere: Mehr noch, in eine Art Übereignung ihrer Person an die Natur, was immer wieder mit ebenso genauen wie poetischen Bildern und Gedanken beschrieben wird – ihre Verwandlung von einer Menschin in ein Teil der Natur. So wirkt sie manchmal wie die Figuren in Ovids Metamorphosen, ein Wesen im Prozess der Verwandlung einer Person in Dinge der Natur, wie die Nymphe Daphne, der schon Blätter und Zweige aus den Haaren sprießen, als sie auf der Flucht vor ihrem Vergewaltiger in einen Lorbeerbaum verwandelt wird. Ein wirklich intensives Buch, der erste auf Deutsch übersetzte Roman der Autorin aus den Vogesen. Den hier, in Folge 61 von podcastliteratur.de, der Romanist Professor Ulrich Winter und Theo Schneider in Lesung und Gespräch vorstellen. Ein Buch, das Sie unbedingt lesen sollten, von einer Autorin, von der unbedingt weitere Werke auf Deutsch übersetzt werden sollten.
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    1 hr and 1 min
  • Extra: Pimmel über der Wüste
    Jan 8 2026
    Paul Frederik Bowles wurde am 30. Dezember 1910 in New York geboren. Den Namen haben Sie noch nie gehört? Doch, doch! Sie haben es nur vergessen! Es ist der Autor des Romans „Himmel über der Wüste“, den Bertolucci 1990 verfilmt hat; und den Sie wahrscheinlich gesehen haben? Er hat noch viel mehr geschrieben: 17 Bände mit Short-Storys, 7 Romane, 4 Gedichtbände und sehr viel übersetzt. „Himmel über der Wüste“, im Original, „The Sheltering Sky“, war sein erster Roman. Geschrieben hat er ihn 1947/48 in Tanger, wohin ihm bald etliche Autoren folgten: Tennessee Williams, Truman Capote, William S. Burroughs, Jack Kerouac, Allen Ginsberg und andere. Deshalb gilt er als wichtiger Vorreiter der Autoren der Beat-Generation. Die Erklärung für den etwas anrüchigen Titel dieses Extras: Marokko war damals nicht nur billig und warm, sondern auch die Jungs in Tanger. Und Paul Bowles war nicht nur bisexuell, sondern auch mit einer lesbischen Schriftstellerin verheiratet, die zumindest was ihn angeht, auch mal bisexuell war: Jane Bowles, Autorin und Dramatikerin, die unbedingt wiederentdeckt werden sollte, war eine ausgesprochene Unglückskrähe: Sie hinkte nach einem Sturz vom Pferd, war alkohol- und drogensüchtig, von Schuldgefühlen, Minderwertigkeitskomplexen und Selbstzweifeln geplagt und mit einem beißenden Auto-Sarkasmus begabt, mit dem sie sich selbst als eine „verkrüppelte jüdische Lesbe“ verlachte. Das zweite Gedicht im folgenden Beitrag stammt von ihr. Nicht von Paul Bowles. Denn der war erst später zu einem erfolgreichen Autor geworden. Zuerst war er ein erfolgreicher Komponist, der u.a. bei Aaron Copland studiert hatte. 56 Stücke umfasst die Liste seiner Kompositionen in Wikipedia, von einer Sonate, die er als 21-Jähriger schrieb, bis zu Balletten und Opern. Die Lieder im folgenden Stück sind eigene Kompositionen von Paul Bowles. Die Texte sind von Tennessee Williams und Jane Bowles. Eingespielt und gesungen von dem Mainzer Pianisten Jens Barnieck und der Mezzosopranistin und Wagnersängerin Julia Oesch aus Frankenthal.
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    11 mins
  • Kostprobe: Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens
    Dec 17 2025
    Warum fällt mir bei der Suche eines Titels für diese Kostprobe ausgerechnet dieses Gedicht von Rilke ein? Vielleicht weil er zusammen mit Jan Wagner vor kurzem die wunderbare Anthologie „Tanzt die Orange“ herausgegeben hat, in der 75 der besten deutschen Lyriker und Lyrikerinnen auf ein Rilke-Gedicht mit einem eigenen Gedicht reagieren und so einen literarischen Dialog inszenieren. Ein freies poetisches Karaoke zu Rilkes 150. Geburtstag, sozusagen. Vielleicht aber auch, weil das brüchige Lebensgefühl dieses Rilke-Gedichts, den neuen Gedichten von Norbert Hummelt sehr nahe kommt. Auch sie sind geprägt, von dem Gefühl der Brüchigkeit unseres Weltempfindens, einem Gefühl der Verletzlichkeit und Ausgesetztsein – wie es der Klappentext des neuen Gedichtbands formuliert: „Neue Gedichte von Norbert Hummelt, einem der bedeutendsten Lyriker unserer Zeit. Hummelt erkundet Momente, in denen sich die Verletzlichkeit von Beziehungen und unserer Welt als solcher offenbart. Autor ausgezeichnet mit dem Hölty-Preis, Deutschlands höchstdotiertem Lyrikpreis. Jeden kann es treffen, von jetzt auf gleich, dass Sicherheiten brüchig werden und kein Geländer in Reichweite ist, zumal in Berlin, der „wimmelnden stadt, stadt voller träume, wo am hellichten tag das gespenst den passanten bedrängt“. Eindringlich spüren die neuen Gedichte von Norbert Hummelt dem Gefühl nach, ausgesetzt zu sein. Sie erkunden Momente, in denen sich die Verletzlichkeit unseres Lebens offenbart. In der Ablösung zwischen Vater und Tochter, den Erinnerungen an die Eltern, der Gefährdung der Natur. Es sind Verse, die aus einem weiten literarischen Hallraum kommen, von Dante bis zu Pound und Eliot. Verse, die uns zum Nachdenken bringen und die Norbert Hummelt zugleich mit einer fühlbaren Leichtigkeit meistert. Und am Ende scheint gar eine neue Liebe als utopischer Ort auf, „können wir uns hierher flüchten, wo die hagebutten leuchten u. / die dohlenvögel kreisen?“ Norbert Hummelt wurde 1962 in Neuss geboren, wo er auch aufwuchs. In Köln hat er studiert und lange gelebt und gearbeitet. Und er wird, auch wenn er sehr bald zu ganz eigenständigen Formen gefunden hat, vielfach der „Kölner Schule“ zugerechnet, zu der z.B. Rolf Dieter Brinkmann, Marcel Beyer, Thomas Kling u.a. gezählt werden. Seit 2006 lebt Norbert Hummelt in Berlin, das auch Schauplatz etlicher dieser neuen Gedichte ist, die zwischen Mai 2018 und Mai 2024 entstanden. Norbert Hummelt hat 10 Gedichtbände und zwei essayistische Bücher ,Übersetzungen u.a. von Inger Christensen und T.S. Eliot veröffentlicht, Anthologien u.a. poetische Sammlungen herausgegeben und viele Beiträge und Features in Zeitungen, Zeitschriften und Rundfunk publiziert. In diesem Extra in Podcastliteratur.de liest Norbert Hummelt Gedichte aus seinem neuen Band „Hellichter Tag“, der im November 2025 im Luchterhand Verlag erschien und verbindet sie mit knappen Erläuterungen zu ihrer Entstehung.
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    24 mins
  • Extra: Natur als Quelle der Freiheit
    Dec 1 2025
    Es war der Dummheit und der Ignoranz unserer Lehrer geschuldet, dass wir in der Schulzeit unserer Generation, die Ende der Sechziger/Anfang der Siebziger Jahre Abitur machten, kein Wort, noch nicht einmal den Namen jenes Mannes gehört hatten, der 1772 mit Captain Cook die Welt umrundet hatte. Da war er gerade mal Siebzehn. Der mit seinen verständnisvollen, schon vor 250 Jahren ganz ohne eurozentristische, ohne imperiale und rassistische Beschreibungen fremder Völker die Ethnologie begründete. Der als Naturwissenschaftler Länder und Meere, Tiere und Pflanzen erstmals beschrieb und zum Wegbegleiter, Freund und Inspirator Humboldts wurde. Der mit den lebendigen, anschaulichen und bildstarken Beschreibungen seines Stils die moderne Reiseliteratur begründet hat. Der 1792 maßgeblich an der Gründung der Mainzer Republik beteiligt und Vize-Präsident der provisorischen Verwaltung war; der als Abgeordneter des ersten demokratischen Parlaments in Deutschland nach Paris reiste, um die Angliederung der ersten deutschen Republik an das Frankreich der französischen Revolution zu betreiben, der bis zu seinem frühen Tod 1794 in Paris überzeugter Jakobiner und Revolutionär blieb. (Ach so, daher wehte der Wind! Weshalb er in der BRD nicht auf den Lehrplänen stand und erst ab Mitte der Siebziger Jahre ganz langsam wiederentdeckt wurde). Im Frühjahr 1790, also vor 235 Jahren, unternahm Georg Forster mit dem jungen Alexander von Humboldt eine große Reise, die ins Rheinland, in die Österreichischen Niederlande, nach Holland, England und Paris führte. 1794 erschien das dreibändige Buch über diese Reise unter dem Titel „Ansichten vom Niederrhein, von Brabant, Flandern, Holland, England und Frankreich im April, Mai und Juni 1790“. Daraus lese ich Ihnen die Passagen vor, die im heutigen Rheinland-Pfalz spielen. Umfangreiche Informationen zur Biographie und zu den Werken von Georg Forster finden sie bei: https://www.regionalgeschichte.net/bibliothek/biographien/forster-georg.html (aus: Institut für Geschichtliche Landeskunde Rheinland-Pfalz e.V.)
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    33 mins
  • Folge 59: Wie man aus Elefanten eine Mücke macht und Lavinia vom 25. Stock aus durch Lüfte und Lüste laviert
    Dec 1 2025
    Dagmar Leupold (*1955 in Lahnstein) ist eine wichtige und produktive Schriftstellerin des Landes, die schon sehr lange in München lebt und zuvor viele Jahre in Italien und New York verbracht hat. Und deshalb, denke ich, hierzulande weniger wahrgenommen wird als dies unbedingt notwendig wäre. Sie hat nicht nur 12 Romane und fünf Gedichtbände geschrieben, sondern auch zahlreiche essayistische und poetologische Beiträge. Und sie ist Übersetzerin aus dem Englischen und Italienischen. U.a. hat sie die Gedichte von Cesare Pavese übertragen. Darüber hinaus ist sie auch eine wichtige Akteurin im literarischen Leben der BRD: Sie war Geschäftsführerin des Deutschen Literaturfonds, hat 17 Jahre lang das „Studio Literatur und Theater an der Universität Tübingen“ und viele Literaturwerkstätten geleitet und Lehraufträge und Dozenturen in Deutschland, Österreich und den USA inne gehabt. Dagmar Leupold – Lavinia Der Countdown beginnt im 25. Stock eines Hochhauses in New York: Worauf Lavinia von dort aus zurückblickt, ist ein Leben, vor dessen Abgründen ihr selbst schwindelt. Wie im Sturz durch ihre Geschichte und die Zeiten erzählt sie von ihrem Aufwachsen und Frauwerden, ihren Lieben und Verlusten, von Verheerungen und Missbrauch, von Unterwerfung und ihrem Willen, sich zu behaupten. Tiefer und tiefer führt sie den Leser im Taumel des Erinnerns und im Sprachrausch des Erzählens zurück in die deutsche Provinz nach dem Krieg, in das unschuldige wie ungeschützte Glücksempfinden einer Kindheit, die in Erfahrungen von Gewalt endet, zu den versuchten Abbrüchen und Aufbrüchen eines Lebens, das sich bei allem Wanken immer wieder unbeugsam zeigt. Lavinia ist eine Selbst- und Weltbetrachtung voller Hingabe und Wut, bitter und zärtlich, schonungslos und empathisch. Ein Lob der Liebe und ein Bekenntnis zu Widerständigkeit. Ein Buch darüber, wie sich beides in Literatur verbinden kann zu einem Rettungsversuch in schwindelnder Höhe. Pressestimmen: „Lavinia“ Die Welt ist alles, was der Fall ist“, heißt es bei Wittgenstein. […] So viele Fragmente, Gedanken, Erfahrungen verbindet Dagmar Leupold in ihrem Roman. Humor, Wut und Zärtlichkeit wechseln sich rhythmisch ab. […] Mit „Lavinia“ gibt Dagmar Leupold einer empathischen, engagierten, kraftvoll fühlenden und klug denkenden Frau eine unvergessliche Stimme. Carsten Hueck, Ö1 Exlibris Die Geschichte Lavinias ist gleichzeitig eine Geschichte der Einverleibung der Weltgeschichte in einen Frauenkörper, […] auch das völlig ohne Pathos, ohne Selbstmitleid, dafür schonungslos, erzählt. […] Ein sehr kluger, ebenso fundierter wie weitreichender Kommentar zur metoo-Debatte. Elke Engelhardt, Fixpoetry Man kann diesen Roman auch als Beitrag zur „Me Too“-Debatte lesen. Das Fazit der Fallenden jedenfalls ist tragisch eindeutig: „Haut und Papier werden nie wieder geduldig sein.“ Antje Weber, Süddeutsche Zeitung Dagmar Leupolds hinreißende Sprache lässt ihren Sturz durch die Zeiten zur beherzten Erkundung weiblichen Lebens werden. Lore Kleinert, neue-buchtipps.de
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    42 mins
  • Extra: Joseph-Breitbach-Preis für Frank Witzel
    Nov 11 2025
    Am 12. November 2025 wird Frank Witzel 70 Jahre alt. Sein größtes Geburtstagsgeschenk erhielt er allerdings schon im September: 50.000 Euro mit der Verleihung des Joseph-Breitbach-Preises in Koblenz. Denn von dort stammt der Schriftsteller, Publizist und Investor Joseph Breitbach (1903-1980). Frank Witzel wurde 1955 in Wiesbaden geboren und lebt in Offenbach und Berlin. Und er ist ein höchst vielfältiger Künstler: Schriftsteller, Musiker, Komponist und Zeichner. Er illustrierte und gestaltete seine eigenen Bücher und die anderer. Er ist ein klassisch ausgebildeter Musiker, der für seine Hörspiele die Musik selbst schreibt, aber auch andere Musikstück komponiert und das Libretto zu der Oper „Dora“ verfasst hat. Vor allem aber ist er Autor von Gedichtbänden, Romanen, Erzählungen, Tagebüchern und Genres, deren Mischformen zwischen Essay, Experiment, Betrachtung, politische, psychologische und philosophische Überlegungen in keine Schubladen passen. Das gilt auch für sein Hauptwerk, für das er 2015 den Deutschen Buchpreis erhielt: „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ ist ein 800 Seiten starkes Textkonvolut, „ ein im besten Sinne maßloses Romankonstrukt“, das durch viele literarischen Formen streunt: Erzählungen über das Erwachsenwerden eines Dreizehnjährigen in Wiesbaden, imaginierte Verhöre, Protokolle, innere Monologe, philosophische und psychologische Erörterungen, Action, Essay und Wahnvorstellungen. Eine „Mischung aus Wahn und Witz, formaler Wagemut und zeitgeschichtliche Panoramen…einzigartig in der deutschen Literatur, ein genialisches Sprachkunstwerk…ein großer Steinbruch, ein hybrides Kompendium aus Pop, Politik und Paranoia“. Und – möchte ich hinzufügen – ein Buch, das zu Unrecht als schwerer Lesestoff bezeichnet wird, sondern höchst vergnüglich herz- und hirnerhellend ist für alle die sich darauf einlassen. Daraus wird Frank Witzel im folgenden Extra lesen, nachdem ihn Mareike Gries in einem Interview zu Leben, Werk und Breitbach-Preis befragt hat.
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    40 mins
  • Kostprobe: Die abwesenden Männer
    Nov 11 2025
    Der Roman beginnt 1989 in Bremerhaven. Hier ist das Mädchen Raisa mit ihrer Mutter Martha nach Jahren ziellosen Umherziehens endlich sesshaft geworden. Aus ihrer Perspektive wird der Roman erzählt. Aber was kann sie schon erzählen, wenn die Mutter beharrlich schweigt, auch verschweigt wer ihr Vater ist? Wenn sie ihr eigenes Schicksal so beharrlich verschweigt wie das der anderen Frauen in der Familie ? Bis sie eines Tages beginnt, Bruchstücke auf Zettel zu notieren, die sie in der Gartenmauer deponiert. Gedanken und Fragmente über sich und über die Geschichte von Großmutter und Urgroßmutter, Geschichten aus vier Generationen von Frauen. Durch die sich ein gemeinsames Muster zieht: Die Abwesenheit von Männern. Männer, die sie geliebt haben, die sie misshandelt haben, die verschollen sind, die fliehen mussten, die sie aus Scham verschwiegen haben. Raisa lebt allein mit ihrer Mutter Martha und das schon immer. An ihren Vater hat sie keine Erinnerungen. Ihr Name ist das Einzige, was sie von ihm bekommen hat – besser so, sagt Martha. Doch Raisa beginnt, Fragen zu stellen. Als der Nachbarsjunge Mat verschwindet, beginnt Martha zu erzählen. Von der Großmutter Dina. Von Lügen, die schützen, und Lügen, die in Gefahr bringen. Von der Liebe ihres Lebens und ihrem größten Verlust. Rabea Edel zeichnet in ihrem Buch die bewegende Lebensgeschichte ihrer Mutter und das Portrait einer Nachkriegsgeneration, die im Schatten der Gewalt und des Schweigens aufgewachsen ist. Sie erzählt von der Kraft der Liebe und von der Rückeroberung der eigenen Geschichte durch die Sprache. Ein Buch wie ein Kaleidoskop, das vor allem die Frauen in den Blick nimmt – und die weibliche Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden. Sie sind die Geister der Vergangenheit, die Geister von denen ihre Mutter nicht spricht, die Geister, nach denen die Tochter und Enkelin fragt. Es sind die Geister von Generationen, die geprägt sind von Verlusten und Traumata, von persönlichen aber auch von den Dramen der Geschichte der vergangenen hundert Jahre. Die individuellen Geschichten sind immer auch geprägt von der jeweiligen politisch-gesellschaftlichen Zeitgeschichte. Dies sind die Spuren, die Fragmente, die Erinnerungen, die Raisa in diesem Buch allmählich zutage fördert. Das mit seinen häufigen und spontanen Wechseln von Handlungen, Schauplätzen und Zeiten so komplex konstruiert ist, dass es die ungeteilte Aufmerksamkeit der Leserinnen verlangt. Wie bei einem Puzzle werden Motive, Strukturen und Erkenntnisse erst sichtbar, wenn die vielen Fragmente am Ende ein Gesamtbild sichtbar machen. In dieser Kostprobe stellt Leander Bauer das Buch vor und Autorin Rabea Edel liest zentrale Passagen.
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    29 mins